13. Oktober 2025

Arbeiten im (EU-) Ausland

Wieso nicht zwei, drei Jahre in London oder Lissabon arbeiten? Die Personenfreizügigkeit ermöglicht es Schweizer:innen, ohne allzu viel Aufwand in Europa zu arbeiten. Ein Auslandaufenthalt erweitert den Horizont und macht sich gut im Lebenslauf. Worauf man achten muss, damit das Abenteuer gelingt.
Autor:in: Von Susanna Häberlin, Leiterin Kommunikation
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Nach ihrer KV-Lehre lernte Anja beim Reisen einen Engländer kennen und verliebte sich in ihn. Sie war 20, England noch Teil der EU und es war vergleichsweise einfach, als Schweizerin in London eine Arbeit zu bekommen. Aus heutiger Sicht – unterdessen ist sie mit «ihrem» Engländer verheiratet und hat zwei Kinder – findet sie ihre damalige Vorgehensweise etwas naiv. «Als Vorbereitung habe ich das Buch ‹Ein Jahr in London› gelesen und ging mit der Absicht, für ein paar Monate als Barista oder so zu arbeiten.»

Da sie bei ihrem Schatz und dessen Bruder in die WG einziehen konnte, war der finanzielle Druck nicht übermässig. Sie hatte Glück und es klappte mit der Hilfe ihres heutigen Schwagers bereits nach sechs Wochen. Über ein Arbeitsvermittlungsbüro erhielt sie eine KV-Stelle bei einer deutsch-englischen Immobilienverwaltung. Sie passte perfekt auf das spezielle Profil: gesucht waren KV-Basics, fliessend Deutsch und gute Englischkenntnisse. Da vieles in der Firma zweisprachig erledigt wurde, konnte sie sich schnell den fehlenden Fachwortschatz der Immobilienbranche aneignen (Stichwort: Nebenkostenabrechnung).

Recht und Bürokratie

Dank dem Abkommen zur Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU/EFTA dürfen Schweizerinnen und Schweizer in den meisten europäischen Ländern ohne spezielle Bewilligung arbeiten – das heisst von London bis Lissabon, von Rom bis Riga. Schweizer Diplome werden normalerweise anerkannt, was den Berufseinstieg erleichtert. Für Jobs ausserhalb der EU/EFTA gelten andere Regeln, oft ist ein Visum oder eine Arbeitsgenehmigung nötig.

Auch wenn man grundsätzlich darf, muss man doch so einiges an bürokratischen Schritten unternehmen, damit es auch klappt. Man sollte sich unbedingt gründlich informieren.

Zu erledigen ist:

  • Anmeldung und Sozialversicherung:  In der EU muss man sich lokal anmelden und Steuern zahlen – oft gilt das sogenannte Arbeitsortsprinzip. Das heisst: Sozialversicherungen (wie AHV, IV, ALV) laufen im Beschäftigungsland. Bei kürzeren Einsätzen (sogenannte Entsendung von einer Schweizer Firma aus, maximal 24 Monate) bleibt man unter bestimmten Bedingungen weiterhin in der Schweiz sozialversichert.
  • Rentenansprüche: In Europa gibt es das Pro-rata-System – alles wird beim Umzug verrechnet, damit keine Beitragszeiten verloren gehen.
  • Krankenversicherung: Auch hier gilt meist das Arbeitsortsprinzip. Die Versicherungspflicht besteht dort, wo gearbeitet wird, ausser bei Entsendungen.
  • Meldepflicht/Steuern: Bei längeren Aufenthalten ist eine Anmeldung im Gastland und eine Abmeldung in der Schweiz zwingend, um unnötige Doppelbesteuerung oder Versicherungen zu vermeiden.

Werte und Kulturunterschiede

Um sicher zu sein, meldete sich Anja bei der Schweizer Botschaft in London, ein Visum oder eine Bewilligung brauchte sie nicht. Die Steuern wurden ihr direkt vom Lohn abgezogen und sobald sie in London wohnte, hatte sie Zugang zum kostenlosen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS).

Welche Unterschiede im Arbeitsalltag hat sie erlebt? Am anstrengendsten fand sie die Rushhour: 40 Minuten in der überfüllten Londoner U-Bahn, jeden Tag hin und zurück. «Dafür haben wir weniger gearbeitet als in der Schweiz, es galt die 35-Stunden-Woche.» Ansonsten wurde sie freundlich aufgenommen: «Ich habe die Engländer:innen als offen empfunden. Weil ich mit Abstand die Jüngste war, hatten wir aber nicht so viele Gemeinsamkeiten.»

Da Anja bereits ihren Freund in London kannte, war sie nicht so stark auf neue Bürokontakte angewiesen. Ein Stolperstein, den viele unterschätzen, ist das fehlende Netzwerk, wenn man allein in ein anderes Land aufbricht. Kulturunterschiede im Arbeitsalltag wie Arbeitszeiten, Pausen, unausgesprochene Erwartungen an Eigenständigkeit und Hierarchie tragen neben eingeschränkten Sprachkenntnissen viel zum Anderssein bei. Es hilft enorm, wenn man jemanden fragen kann, der die Dos and Don’ts in der Arbeitswelt kennt.

Realistische Lohnvorstellungen

Ob Schweizer:innen im Ausland arbeiten wollen, wird schnell zu einer Frage des Geldes. Denn so viel wie in der Schweiz verdient man selten – ausser man ist eine hochspezialisierte Fachperson. Wer in Euro oder Pfund bezahlt wird, nimmt zudem ein Risiko in Kauf, an das selten jemand denkt: Währungsschwankungen machen sich unmittelbar im eigenen Portemonnaie bemerkbar. Anja erzählt, dass sie zu Beginn einen ganz anständigen Einsteigerlohn gehabt habe, aber innerhalb eines Jahres habe sich der Wechselkurs deutlich verschlechtert. «Irgendwann war es in Schweizer Franken nur noch ein Hungerlohn! Aber es war ok, da wir zu dritt gewohnt haben und damals in London noch nicht alles so wahnsinnig teuer war wie heute.»

Geh, solange du kannst!

Nach zweieinhalb Jahren kehrte Anja schliesslich wieder zurück in die Schweiz. Rückblickend sagt sie: «Überraschend für mich war, wie stark meine London-Erfahrung meine Berufslaufbahn in der Schweiz geprägt hat. Ich habe nach meiner Rückkehr aus England neun Jahre lang in einer englischsprachigen Firma gearbeitet und konnte verschiedene Geschäftsreisen nach London, Boston und Toronto machen.» Abschliessend meint sie: «Heute würde ich wohl nicht mehr spontan ins Ausland auswandern, weil ich Kinder habe und Dinge nicht mehr so locker anpacke wie früher.» Deshalb ist ihr wichtigster Tipp: «Geh, solange du kannst! Nutz die Chancen, die du bekommst!»

Wichtige Informationsquellen

  • Arbeiten im Ausland I: Unsere Kolleg:innen vom BIZ Bern haben ein gutes Übersichtsdokument erstellt.
  • Arbeiten im Ausland II: Die offizielle Seite des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA), informativ, umfassend.
  • Swissinfo.ch: Auswandern leicht gemacht. Portal mit ausführlichen Informationen und Tipps zu (fast) allen Lebensbereichen, die betroffen sein können.
  • arbeit.swiss > Broschüren und Flyer > EURES: Leben und Arbeiten in der EU/EFTA. Ausführliche länderspezifische Infos, die Broschüren sind teilweise nicht mehr ganz neu (2017). 
  • EURES European Employment Services: Die Website für alle offiziell ausgeschriebenen Stellen in der EU.
  • Europass: Europass ist ein Hilfsmittel der EU/Eures; kostenloses Portal, in dem man Bewerbungen schreiben, anpassen und versenden kann.

 

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